Wortstück- Literaturwettbewerb
“Das Buch ist die Axt für das gefrorene Meer in uns”
(Franz Kafka)
Literatur und Poesie sind mehr als die bloße Abfolge von Buchstaben, sowie Sprache mehr ist als eine Abfolge von Lauten.
Literatur ist ein Stück Freiheit. Freiheit, der Seele, Freiheit des Denkens. Und ebenso trennt Literatur, wie sie auch verbindet.
Wir, die Organisatoren des Literaturwettbewerbs “Wortstück” möchten die Schüler daher einladen, sich den strengen, kontrollierten Schulalltag für eine Weile zu entziehen und in sich hineinzuhorchen. Wir möchten ihnen eine Möglichkeit bieten ihre Gefühle und Gedanken zu äußern.
Aus diesem Anlass wurden der “alte” Gedichtswettbewerb „Poeta Laureatus“ erweitert: Die Schüler sollten sich nicht nur in Gedichten, sondern auch Kurzgeschichten ausdrücken können und ihr schriftstellerisches Vermögen unter Beweis stellen.
Um den Wettbewerb auch für Schüler interessant zu machen, die vielleicht begabte Poeten sind, sich aber nicht mit dem lateinischen Namen identifizieren konnten, haben wir uns entschieden den Namen des Wettbewerbs umzugestalten, damit er auch bei Schülern Interesse weckt, die mit Latein nichts anfangen können.
Im Schuljahr 2010/2011 findet der Literaturwettbewerb bis zum 06.05.2011 am Gymnasium Überlingen statt und bietet den Schülern die Möglichkeit sich auch außerhalb des Deutsch-Unterrichts mit der Sprache zu beschäftigen.
Wir wünschen allen Teilnehmern viel Spaß beim Schreiben!
Sezan Eyrich, Klassenstufe 9
und
Thomas Krebs, Kursstufe II (2011)
POETA LAUREATUS-Gedichtwettbewerb
von Michael Navratil
Das Gymnasium Überlingen ist als allgemeinbildendes Gymnasium seit jeher gleichermaßen um die Wissenschaften wie um die Sprachen und Künste bemüht. Eine besonders schöne Tradition zur Förderung des schriftstellerischen Nachwuchses am Gymnasium ist der alljährlich stattfindende Gedichtwettbewerb POETA LAUREATUS. An die griechisch-römische Tradition angelehnt werden im Rahmen des Wettbewerbs von Schülerinnen und Schülern selbst verfasste Gedichte ausgezeichnet und die Gewinner mir Lorbeer bekränzt.
Bis zum Jahre 2002 wurde der POETA LAUREATUS-Gedichtwettbewerb von einem Deutschleistungskurs getragen. Die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe bewerteten die Werke ihrer Mitschülerinnen und Schüler. Im Rahmen einer feierlichen Zeremonie während der großen Pause wurden die jungen Dichter gekrönt und die Siegerwerke vorgetragen.
Nach dem Abitur des poesiebegeisterten Jahrgangs und mit der Abschaffung der Deutsch-LKs im Zuge der Oberstufenreform fand der Wettbewerb ein vorläufiges Ende. Ein Ersatzprogramm namens POETRY, bei dem das kompetetive Element wegfiel und eigene Werke lediglich vorgetragen wurden, konnte sich nicht etablieren.
Im Schuljahr 2005/2006 fand der Wettbewerb dann wieder statt. Das Verfahren unterschied sich kaum vom dem des ursprünglichen Wettbewerbs, einzig die Jurymitglieder wurden, in erwähnter Ermangelung eines Deutsch-LKs, aus allen Kursen der Oberstufe rekrutiert. Voraussetzungen für die Aufnahme in die Jury waren vor allem das Interesse an der Lyrik und freilich auch ein gewisses Können im Fach Deutsch.
Einmal im Jahr schallt nun feierliche Musik durch das Schulhaus, die Juroren stehen in Abendgarderobe auf der Bühne der Aula und die anfangs noch ahnungslosen jungen Poeten werden nach vorne beordert, um ihre Siegerwerke vorzutragen. Der Sieg wird mit Buchpreisen belohnt und mit Urkunden bestätig.
Die Wettbewerbsleitung teils sich in der neuen Generation des POETA LAUREATUS zwischen Schüler- und Lehrerschaft auf. Nachdem Herr Hess, langjähriger Leiter des Wettbewerbs, im Schuljahr 2006/2007 seinen Schuldienst beendet hat, wird Frau Seelhorst die Schirmherrschaft für den Wettbewerb übernehmen. Die Leitung auf Schülerseite hat weiterhin Michael Navratil inne.
Zwei Siegerbeispiele:
Entscheidung
Das Meer liegt dort vor meinen Augen,
Dunkel, tief und unergründet.
Mein Aug’ vermag es nicht zu schauen,
Obgleich die Seele es dort findet.
Das Auge spüret nicht die Tiefe,
Die so weit dort unten ist.
Es ist als ob das Meer mich riefe,
Mit viel Tücke und viel List.
Auch warnt mich das Auge nicht,
Vor den dunklen Gefahren.
Doch meine Seele zu mir spricht,
Um mich vor ihnen zu bewahren.
Nun rollt eine große Well’ heran,
Von den unendlich großen Weiten.
Zieht meine Seele in den Bann,
alles droht mir zu entgleiten.
Wohin mit meiner Einsamkeit?
Wohin mir meiner Seelenqual?
Was ist es bloß, das mich befreit?
Wo bleibt mir eine Wahl?
Gibt es denn eine Menschenseele,
Die mich versteht und mich befreit?
So, dass ich neu das Leben sehe,
Fernab von aller Einsamkeit?
Ein Licht tanzt auf den Wellenrücken,
Die Morgenröte bricht sich Bahn.
Taucht alles in ein neu Entzücken,
Gibt Hoffnung mir und nimmt den Wahn.
Thomas Krebs,
1. Platz Mittelstufe 2006/2007
Das Lied der Plagen
Wir nahen uns langsam, zwei Männer, zwei Frau’n.
Gar ärmlich und seltsam sind wir anzuschaun.
Die erste in Lumpen, der Bettlerin gleich,
der zweite ist ausgezehrt, mager und bleich,
die dritte von Blasen und Beulen entstellt,
der vierte mit Tüchern bedecket sich hält.
Doch lasst Euch nicht täuschen von unsrer Gestalt,
vier Fürsten sind wir und Jahrtausende alt,
die vordersten Kinder aus düstrem Geschlecht,
doch wo wir uns nahen, empfängt man uns schlecht,
man will und verscheuchen, verbannen, verfluchen,
doch unser Los ist es, auf ewig zu suchen,
Euch Sterbliche. Fühlet dann unsre Kraft
Und sehet all Freuden hinweggerafft.
Ihr blicket so fragend? Leiht uns Euer Ohr,
und hört wie ein jeder gleich stellet sich vor.
Die Armut bin ich, wo ich plage die Welt,
verschlinge ich Güter, Besitze und Geld.
Die Reichen, sie wenden von mir ihr Gesicht,
und die, die mich kennen, die lieben mich nicht.
Ich kenn viele Länder und wirk täglich dort
Und bin fremd beinahe an anderem Ort.
Doch komm ich, so komme ich selten allein,
zusammen mit mir stellt der Bruder sich ein.
Man nennt mich den Hunger, die zehrende Plage,
wo ich bin erheben sich Jammer und Klage,
denn dort wo es fehlet am täglichen Brot,
ist bitter das Elend und schrecklich die Not.
Dort wo Sonn und Fluten verderben das Land,
wo grausamer Krieg gewinnt die Überhand,
da komm ich geschwind, ja da zieht es mich hin,
zu martern den Körper, umnebeln den Sinn.
Die Krankheit bin ich, das verpestete Weib,
vergiftend, zerschindend und schwächend den Leib,
so schaffe und wirke ich fort und fort,
und unsichtbar schleich ich von Ort zu Ort.
Die Menschheit bei tausenden Namen mich nennt,
doch kein Wesen gerne leibhaftig mich kennt.
Und den, den ich wirkend lass nimmer in Ruh,
den spiel dem allmächtigen Bruder ich zu.
Der älteste bin ich der düsteren Vier.
All, die Ihr hier lauschet seid unbekannt mir.
Noch keiner von Euch hat erfahr’n meine Macht,
die jeden einst hüllet in ewige Nacht.
Ich kenn’ keinen Vorzug, bin immer gerecht
und richt alle gleich, arm, reich, gut oder schlecht,
erstickend all Freuden, zugleich alle Not.
Ihr kennt meinen Namen, ich bin es, der Tod.
Michael Navratil
Inspiriert von Goethe, Faust II, Akt V, Mitternacht
1. Platz Oberstufe 2005/2006
